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[☆035] Panjira - Der Zug der Träume - Kurzgeschichte

  • Jeremy
  • 5. Dez. 2025
  • 12 Min. Lesezeit

Hallo lieber Lesestern,


heute fährt der Zug der Träume 🎁✨ und keine Sorge, du brauchst kein überteuertes Ticket und der Zug fährt pünktlich los!

Zum Nikolaustag gibt es eine kleine Geschichte von mir. Ich hab sie vor ner Weile beim Aufräumen meiner Festplatte wieder gefunden und freue mich, dass ich sie endlich mit dir teilen kann! Leider kann ich sie dir nicht heimlich in die Schuhe stecken, aber ich hoffe, sie gefällt dir trotzdem.

Und schreib mir in die Kommentare, zu welcher Traumwelt du gerne reisen würdest.


Dein Jerry


Weihnachtsbaum


Panjira - Der Zug der Träume

„Seien Sie vorsichtig an Gleis zehn, der Zug zum Hauptbahnhof fährt ein“, erklingt die metallische Stimme. Sie ist viel zu leise im Vergleich zur generellen Lautstärke in der Bahnhofshalle und sämtliche Informationen gehen im Rauschen verloren.

Unter den zahllosen leeren Gesichtern am Gleis befindet sich auch das von Anya. Sie ist eine Unbekannte in einer Masse voller Unbekannter. Jeden Morgen, zur gleichen Zeit, steht sie an derselben Stelle und wartet auf die U-Bahn. Regungslos starrt sie auf die Plakate und liest die belanglos klingenden Werbebotschaften, die nur Sekunden später aus ihrer Erinnerung verschwinden. Denn obwohl Anya körperlich am Gleis steht, befindet sie sich geistig in fernen Welten. Sie erlebt, auch ohne Bücher oder Filme, zahlreiche Abenteuer, aus denen sie erst erwacht, wenn die Bahn schließlich einfährt, nur um dann im Inneren weiter vor sich hinzuträumen.

Sie spürt den Luftzug an ihrer Haut. Er zerrt an ihrer orangenen Jacke und an den kurzen braunen Haaren. Anyas Blick fokussiert sich wieder und folgt dem Eisenmonster, das langsam vor ihr zum Stehen kommt. Gemächlich geht sie auf eine der Türen zu und wartet, bis alle Passanten ausgestiegen sind. Sie ist die Einzige, die durch diese Tür die U-Bahn betritt.

Überrascht bemerkt sie, dass in dem sonst völlig überfüllten Abteil, niemand ist. Verwirrt sieht sie sich um und nimmt dabei die Kopfhörer raus, um etwaige Durchsagen hören zu können.

Bin ich etwa in die falsche Bahn gestiegen?, fragt sie sich und dreht sich wieder zur Tür. Dabei bemerkt sie, dass das Abteil doch nicht völlig leer ist.

An einem kleinen Tisch mit blau kariertem Tuch sitzen zwei Männer auf Klappstühlen. Sie beobachten Anya stumm und warten offenbar auf eine Reaktion von ihr. Darüber verwirrt zieht sie ihre Augenbrauen zusammen und fragt: „Was hat das zu bedeuten?“

Einer der beiden steht auf. Er trägt seine langen, blonden Haare zu einem Zopf gebunden. Helle blaue Augen lassen ihn unfassbar sympathisch wirken. Er ist einen ganzen Kopf kleiner als Anya und leicht übergewichtig. Seine Kleidung ist sehr ordentlich und besteht aus einem dunkelgrünen Sakko und einem Poloshirt. Beides steht ihm ausgesprochen gut. Freundlich lächelnd verbeugt er sich, ehe er sagt: „Anya, wie schön, dass du hier bist. Bitte setz dich doch zu uns.“ Er deutet auf einen dritten Stuhl, der wie aus dem Nichts vor ihr auftaucht.

„Ich denke, ich würde lieber aussteigen.“

Mit einem kräftigen Ruck fährt der Zug genau in diesem Moment an. Strauchelnd klammert sie sich an einer Stange fest, und ihr Blick fällt auf die Tür, die längst wieder geschlossen ist. Mit verkniffenen Augen fokussiert sie die Männer und fragt mit Nachdruck: „Was soll das hier werden?“

Nun steht auch der Zweite auf. Er verschränkt die Arme vor der Brust und baut sich bedrohlich vor ihr auf. Anya betrachtet ihn aus Argusaugen, jederzeit darauf gefasst, ihm ihre Umhängetasche überzuziehen, falls er sich ihr weiter nähert. Dabei nimmt sie sich die Zeit, ihn zu mustern. Er hat kurze schwarze Haare und ebenso dunkle Augen. Sein Gesicht ist kantig und so scharf wie seine Zunge. In dem blauen Kapuzenpulli und der Jogginghose wirkt er wie ein Teenager, was durch seine schlaffe Haltung nur verstärkt wird.

„Das hier ist der Panjira, der Zug der Träume, und du bist heute unser Gast für eine Reise zu den Sternen.“

Blinzelnd versucht Anya zu verstehen, was der Typ ihr gerade gesagt hat. Doch ihr verständnisloses „Hä?“ ist bereits genug, damit sich der blonde Mann wieder einschaltet.

„Du bist auserwählt worden, um eine ganz besondere Reise zu machen. Das Ziel bestimmst du, und es führt uns buchstäblich zu den Sternen.“

Dabei wirkt er so, als wäre nun alles geklärt. Anya verzweifelt langsam und denkt: In was für einem schrägen Film bin ich hier bitte gelandet?!

„Also fahren wir nicht zum Hauptbahnhof?“, fragt sie nach und hofft einfach darauf, dass jedes Ziel zwischen hier und den Sternen den Münchner Hauptbahnhof mit einschließt.

„Nein, tut mir leid. Der Panjira macht nur Sonderfahrten.“

„Na, klar. Was auch sonst ...“, murmelt Anya und ergänzt: „Dann möchte ich bitte aussteigen. Für spontane Reisen habe ich keine Zeit.“

Mit einem hohnhaften Lächeln auf den Lippen, sagt der Schwarzhaarige: „Tja, dafür ist es bereits zu spät.“

Anyas Augen verengen sich erneut. Sie ignoriert das beschwichtigende Gebrabbel des Blonden und geht langsam auf den Mann zu. Erst als sie unmittelbar vor ihm stehen bleibt, bemerkt sie, dass ihm ein Ohr fehlt und sich eine große Narbe über seinen Hals bis unter den Pulli ausbreitet.

Sie stemmt ihre Arme in die Hüften und beugt sich leicht zu ihm.

„Ich will raus, und wenn ihr mich nicht auf der Stelle gehen lasst, dann werde ich so lange schreien, bis euch die Trommelfelle platzen“, droht Anya mit einem gespielt, freundlichen Lächeln.

„Bitte, Anya, setz dich und wir ...“, versucht der Blonde sie zu beruhigen. Ihr Blick wandert zu ihm. Er reicht ihr seine rechte Hand und lädt sie erneut ein, sich hinzusetzen. Dabei bemerkt sie, dass ihm der kleine Finger und der Ringfinger fehlen.

„Wie wäre es damit, wir fangen nochmal von vorne an, stellen uns vor und dann reden wir ganz in Ruhe“, schlägt der Blondschopf vor. „Ich heiße Soidhne, du kannst mich aber Soi nennen.“

Anya zieht, ob des ungewöhnlichen Namens, die Augenbrauen hoch, dann sieht sie zu dem Schwarzhaarigen.

„Claidheimh und wenn du es wagst, meinen Namen abzukürzen, werf ich dich Höchstselbst aus dem Zug.“

„Er scherzt nur. Claid schmeißt natürlich niemanden raus“, beschwichtigt Soi sogleich und wirft seinem Freund einen bösen Blick zu.

Tief durchatmend ergibt sich Anya der Situation und setzt sich in den Klappstuhl. Die Arme verschränkend sieht sie Soi an und fordert ihn auf weiterzusprechen. Er macht es sich ebenfalls bequem.

„Der Panjira ist ein besonderer Zug.“

„Schon klar, das sagtet ihr bereits und weiter? Was macht ihn so besonders?“

„Wenn Menschen träumen, begeben sie sich in andere Welten. All die Sterne, die du nachts am Himmel siehst, sind genau das. Es gibt unendlich viele und mit jedem Traum werden es mehr Sternenwelten. Der Panjira ist in der Lage zwischen den Welten hin und her zu fahren“, erklärt Soi, und seine Augen fangen dabei an zu leuchten. Er rutscht begeistert auf seinem Klappstuhl rum. „Und manchmal, da erhält jemand, der besonders viele dieser Welten erschaffen hat, die Möglichkeit, sie selbst zu besuchen. Du, Anya, bist die Erschafferin von mehr als tausend Sternenwelten und darfst deshalb eine davon betreten.“

Na, großartig. Hat der mir gerade durch die Blume gesagt, dass ich zu oft Tagträume?, fragt sich Anya und zieht zweifelnd die Augenbrauen hoch.

Bevor sie dazu kommt, ihrer Skepsis Luft zu machen, ergreift Claidheimh das Wort: „Soi und ich sind Teil des Panjira. Wir sorgen dafür, dass der Zug problemlos immer an sein Ziel gelangt. Zudem sind wir für deine Sicherheit zuständig. Wir sind Schwert und Schild des Fahrgastes.“

Da er Anya dabei keines Blickes würdigt und die ganze Zeit aus dem Fenster sieht, glaubt sie ihm nicht ein Wort.

Sicherheit am Arsch, erst entführen und dann so einen Blödsinn labern. Für wie blöd halten die mich?

„Also, ich habe mir den ganzen Mist ruhig angehört, kann ich jetzt endlich gehen?“

Alle drei schweigen. Anya blickt erwartungsvoll zwischen den beiden Männern hin und her, während diese ihr ausweichen. Soi fängt an, an der Tischdecke zu knibbeln, und Claidheimh starrt weiterhin aus dem Fenster. Genervt folgt Anya seinem Blick und sieht ebenfalls raus.

Erstaunt weiten sich ihre Augen. Sie steht auf und geht näher ran, um besser sehen zu können. Anya hatte erwartet, dass weiterhin die Bahnhöfe an ihnen vorbeirauschen oder zumindest Dunkelheit. Stattdessen breitet sich vor ihr der Sternenhimmel aus. Überall leuchten die zahlreichen Sterne auf, und der Mond wacht über sie, wie ein Vater über seine Kinder.

„Das ist ... unmöglich“, murmelt Anya und legt ihre Hand auf die Scheibe. Wie gebannt folgt ihr Blick den Sternschnuppen, auf deren Schweif der Panjira fährt. Die einzige rationale Erklärung, die ihr spontan einfällt, wäre eine Leinwand, auf der gerade ein Video abgespielt wird. Doch etwas in ihr zweifelt daran.

„Glaubst du uns jetzt oder müssen wir erst noch auf dem Mond landen, damit du aufhörst zu zweifeln?“

Claidheimh stellt sich neben sie. Seine provokanten Worte stoßen ihr auf, doch ein Blick in sein Gesicht beschwichtigt sie gleich wieder. Sehnsuchtsvoll starrt er in die Ferne, ganz so, als würde er nach etwas suchen, von dem er weiß, dass es längst nicht mehr da ist.

Seufzend setzt sie sich wieder auf ihren Klappstuhl und sagt: „In Ordnung, ich gebe euch eine Chance. Wie geht es jetzt weiter?“

Lächelnd rückt Soi seinen Stuhl näher an den Tisch, auf dem auf einmal eine Sternenkarte liegt. Er deutet darauf. „Du darfst einen Stern aussuchen, den wir dann ansteuern.“

„Und woher soll ich wissen, auf welchen ich will?“

„Gar nicht. Betrachte es als Überraschung“, sagt Claidheimh, und Soi ergänzt: „Um ehrlich zu sein - selbst wir wissen nicht, was uns erwartet. Denn die Chance, zweimal auf dem gleichen Stern zu landen, wäre wie zweimal das gleiche Sandkorn zu finden. Noch nie hat ein Fahrgast einen Stern gewählt, auf dem wir schon einmal waren.“

Tief durchatmend beugt sich Anya über die Karte, und tatsächlich sind darauf abertausende weiße Punkte eingezeichnet. Also gerade mal ein Bruchteil aller möglichen Reiseziele. Über manchen davon stehen Wörter in winziger Schrift. Doch wirklich lesen kann sie nur drei: Aon, Iskay und Trije.

„Was bedeuten diese Wörter?“

Die beiden Männer tauschen einen Blick aus, ehe Soi antwortet: „Es sind die Namen von Sternenwelten, die du erschaffen hast. Deshalb kannst du sie auch lesen.“

„Meine Welten?“ Anya kann ihren Blick nicht mehr abwenden, zu sehr entbrennt in ihr gerade der Wunsch, einen dieser Sterne zu besuchen. Die Chance, die Orte und die Wesen, die sie in einem ihrer Tagträume erschaffen hat, kennenzulernen, hätte gar nicht existieren sollen. Dennoch ist sie nun hier und jetzt, wo Anya tatsächlich die Möglichkeit dazu hat, da wäre es doch Verschwendung, wenn sie sie nicht auch nutzen würde.

Ganz leicht und nur mit der Fingerspitze gleitet sie über die drei Sterne. Sie versucht, sich zu erinnern, welche Träume hinter den Namen stecken. Aber da waren so viele in den letzten Jahren. Jedes Mal wenn sie auf den Zug wartet oder sich in ihrer monotonen Arbeit verliert, flüchtet sie sich in ihre Tagträume.

Dann verkündet Anya: „Ich möchte nach Iskay.“

„Sehr gut, ich bin schon gespannt darauf, welches Abenteuer uns dort erwartet.“ Lächelnd nimmt Soi die Karte an sich und fängt an, sie zusammenzufalten. Dann steht er auf und schlendert auf eine Tür zu, die zum Lokführer führt. Er klopft zweimal, und erneut geht ein starker Ruck durch den Zug.

Kurz beschleunigt der Panjira, nur um dann mit einem weiteren Ruck zum Stillstand zu kommen. Die Türen öffnen sich mit einem leisen Quietschen.

Anya geht vorsichtig ein paar Schritte und blickt hinaus. Sie befinden sich an einem kleinen Bahnsteig. Gerade breit genug, dass man aussteigen kann. Dahinter erwartet sie ein unglaublicher Anblick: ein Meer. Unendlich und so weit das Auge reicht. Keine Küste in Sicht. Nur Wasser und Himmel.

„Willkommen in Iskay, dem endlosen Traumozean“, sagt Soi mit ehrfürchtiger Stimme. Er hält ein Blatt Papier in der Hand, auf dem Worte auftauchen. Begeistert liest er vor, dass der Ozean nicht aus Wasser, sondern aus Gedanken und Träumen besteht.

Anya tritt hinaus und geht an den Rand des Bahnsteigs. Eine Welle schlägt kräftig dagegen. Erschrocken schreit sie auf und taumelt zurück. Dabei stößt sie gegen Claidheimh. Er verdreht die Augen und sagt: „Stell dich nicht so an. Die Wellen tun dir nichts.“

Grimmig zieht sie sie Brauen zusammen.

„Und was jetzt? Soll ich baden gehen, oder was?“

„Das können wir dir nicht sagen. Wir sind nur da, um sicherzustellen, dass dir nichts passiert. Deinen Weg musst du selbst finden“, erklärt Soi und stellt sich neben sie.

Anya lässt ihren Blick schweifen. Die Antwort nervt sie gewaltig. Ist schließlich nicht so, als wäre sie freiwillig hier.

Dann atmet sie tief durch und setzt sich an den Rand des Bahnsteigs. Die Wellen werden schwächer, bis das Meer völlig ruhig daliegt. Langsam lässt Anya ihre Beine runtergleiten, bis sie auf das Wasser treffen und sie darauf stehen kann. Überrascht sieht sie sich um, um herauszufinden, ob sie alles richtig macht. Dabei trifft auf den stolzen Blick von Soi und ein genervtes Augenverdrehen von Claid.

Sichtlich davon angepisst, dreht sie sich schwungvoll um. Sie setzt einen Fuß vor den anderen und wandert hinaus aufs Meer. Es hat eine wundervolle klare blaue Farbe, wie sie es noch nie zuvor gesehen hat. Warme Sonnenstrahlen treffen auf das Wasser und bringen es zum glitzern.

Anyas Schritte lösen kleine Wellen aus. Und in jeder Welle blitzen Bilder auf. Zuerst glaubt Anya, sich das nur einzubilden, aber dann erkennt sie, dass es sich um Erinnerungen handelt.

Sie sieht all die verpassten Chancen, peinliche Situationen, alte Sehnsüchte. Jeder Moment, in dem ihr Leben eine Wendung eingeschlagen hat, mit der sie immer unglücklicher wurde. Momente, die sie dazu gebracht haben, sich von der Realität abkapseln zu wollen.

Ihr Herz schlägt schneller.

Dann vernimmt sie ein Flüstern.

Zuerst leise, kaum hörbar. Doch je weiter sie geht, desto lauter wird es. Stimmen. Ihre Eigene. Ihre Gedanken. Ihre Ängste.

„Du bist allein.“

„Niemand kennt dich wirklich.“

„Unbedeutend und unsichtbar.“

„Du kannst nichts zu Ende bringen.“

Tränen sammeln sich in Anyas Augen. Sie schluckt schwer gegen den Kloß in ihrem Hals an und fasst sich an die schmerzende Brust.

„Was soll das?“, flüstert sie und dreht sich zum Bahnsteig um. Doch der ist verschwunden. Auch der Panjira und die beiden Männer sind weg. Anya ist allein.

Das Geflüster wird lauter. Eine schwarze Silhouette erhebt sich aus dem Wasser. Eine weibliche Gestalt, geformt aus flüssigem Schatten. Und Anya erkennt sich selbst darin.

Eine Träne rinnt ihr die Wange hinab und landet geräuschlos im Wasser. Verschwindet dort, wie auch Anya selbst in der Masse verschwunden ist. Eine Unbekannte mit leerem Gesicht unter Gleichgesinnten.

Der Schatten kommt auf sie zu und Anya hat das Bedürfnis zurückzuweichen. Zu flieh und sich zu verstecken. Als Soi sagte, dass sie in eine Welt ihrer Träume reisen wird, hätte sie nie gedacht, dass es sich dabei um einen Albtraum handeln würde.

Sie hatte sich in so vielen Traumwelten versteckt. Jeden Tag neue erdacht und sich dort alternative Leben erschaffen. Leben in denen sie glücklich ist, Freunde hat und tut, wofür sie brennt.

Ihre Realität war weit weniger lebenswert.

Die Finger des Schattens greifen nach ihr und sie schließt erschrocken die Augen. Anya kann spüren wie die Kuppen hauchzart über ihre Wange streifen. Zahlt sie nun den Tribut für ihre Realitätsflucht?

„Sie ist nur ein Echo deiner Angst.“ Eine dunkle Stimme erklingt hinter Anya. Eine warme Hand legt sich auf ihre Schulter und übt leichten Druck aus. „Akzeptiere deine Fehler. Sie sind ein Teil von dir und tun dir nichts, solange du aus ihnen lernst.“

Auch auf ihre andere Schulter legt sich eine Hand und eine sanfte Stimme sagt: „Sie ist ein Teil von dir, das du vergessen hast. Verdrängt hast. Es ist nicht böse. Nur verloren.“

Langsam öffnet Anya ihre Augen und starrt direkt in das Gesicht des Schattens. Wieder sind da Erinnerungen, an ihr Versagen und ihre Alltagsflucht. Sie beißt sich auf die Lippen und macht schließlich einen Schritt nach vorn. Ihre Arme legt sie um die Gestalt. Es fühlt sich an, als würde sie versuchen, einen Wasserfall zu umarmen. Erst kommt sie sich dabei dumm vor und sie hat Zweifel, dass es überhaupt etwas bringt. Doch je mehr sie daran glaubt das Richtige zu tun und sich selbst endlich annehmen zu können, desto besser fühlt es sich an.

Die Gestalt löst sich langsam auf und wird wieder ein Teil des endlosen Ozeans. Ihre Gedanken schweigen für einen langen Moment. Und dann sieht sie ihn, einen einzelnen Punkt am Horizont, der aufleuchtet. Wie ein Leuchtturm.

Sie atmet tief durch und dreht sich zu Soi und Claid um. Beide betrachten sie stillschweigend.

„Ich glaube, ich habe jetzt verstanden, was der Panjira macht. Vielen Dank dafür, dass ich mit euch fahren durfte.“

Missbilligend schnalzt Claidheimh mit der Zunge. Er geht auf Anya zu und schnippt ihr einen Finger gegen die Stirn.

„Aua! Was soll das?“

„Spiel dich nicht so auf. Jetzt geh schon weiter, sonst haben wir wegen dir Verspätung.“

Claid geht an ihr vorbei und steuert den Punkt am Horizont an, der sich bei näherer Betrachtung als Zug herausstellt.

Soi stellt sich neben sie und flüstert: „Er ist nicht besonders gut im Umgang mit Menschen, nimm es ihm bitte nicht übel. Das eben war so ziemlich das Freundlichste, was er je zu jemandem gesagt hat.“

Sein Gesicht ziert ein gequältes Lächeln, dann folgt er seinem Freund. Anya sieht sich ein letztes Mal um. Sie steckt ihre Hände in die Taschen ihrer Jacke und schlendert über das Wasser. Es ist ihr egal, ob der Zug Verspätung hat. Genau so ob sie später auf der Arbeit anschiss bekommt. Jetzt gerade fühlt sie sich zum ersten Mal seit einer Ewigkeit richtig wohl damit, sie selbst zu sein.

Sie lächelt. Ehrlich und von Herzen.

Nach Stunden kommt sie dann doch am Panjira an und steigt ein. Soi und Claid sitzen auf ihren Stühlen und spielen Karten. Sie sagen nichts, als sich Anya dazu setzt und auch nicht, als sich die Türen schließen. Ein leichter Ruck geht durch den Waggon und der Zug nimmt wieder fahrt auf.

„Ihr könnt mich nicht zufällig am Hauptbahnhof rauslassen, oder?“, fragt Anya nach einer Weile, während sie zu den Sternen hinaussieht.

Soi lacht und Claid grunzt.

„Mal sehen, was sich machen lässt.“

Dann teilen sie Anya ebenfalls einige Karten zu und sie spielen zu dritt eine Runde Uno.

Nach einer kurzen Fahrt hält der Zug leise quietschend an. Die drei stehen auf und gehen zu einer Tür, die sich lautlos öffnet. Ohne zu zögern, tritt Anya aus dem Panjira hinaus und auf den Bahnsteig.

Sie dreht sich um und schenkt Claidheimh ein Lächeln und sagt: „Danke Claid, dafür, dass du mich nicht aus dem Zug geworfen hast.“

Und gerade als sie losgeht um herauszufinden, wo die beiden sie abgesetzt haben, hört sie, wie Claidheimh ihr hinterherruft: „Hör nie auf du selbst zu sein, Anya! Du bist besonders, also sei stolz darauf.“

Überrascht dreht sie sich um, doch da ist der Zug bereits fort. Nicht mehr als ein lauwarmer Luftzug und die Erinnerung bleiben. Ihre Tränen wegblinzelnd und gegen den Kloß in ihrem Hals ankämpfend, lässt sich Anya auf eine Bank sinken. Ihr Abenteuer im Panjira ist vorbei und doch kommt es ihr so vor, als würde es gerade erst beginnen.

Ihr Blick gleitet über den vollen Bahnsteig, an dem sie vor einigen Stunden in den seltsamsten Zug überhaupt eingestiegen ist. Und obwohl hier alles gleich geblieben ist, hat sich für Anya alles verändert. Sie lacht.

 
 
 

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